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Nachruf auf Bernard Lietaer

Bernard Lietaer ist am 4. Februar 2019 kurz vor seinem 77. Geburtstag verstorben. Er war bereits früh in die Entwicklung des Chiemgauers eingebunden und hat uns als Freund, Mentor und Berater knapp 20 Jahre begleitet. Er hat wie kein anderer den Begriff "Komplementärwährungen" geprägt und durch seine unermüdliche Forschungstätigkeit etliche Beispiele in seinen Büchern beschrieben.

"Entdecker" von Komplementärwährungen

Den Begriff „Komplementärwährungen“ hörte ich zum ersten Mal 1999 aus dem Mund von Bernard Lietaer. Bereits seit Mitte der 90er Jahre fing er an sich damit zu beschäftigen und veröffentlichte im Internet Berichte zur WIR-Bank in der Schweiz, zu Ithaca Hours im Staat New York und Lets-Tauschringen, die ausgehend von Kanada weltweite Verbreitung gefunden haben. Bernard Lietaer schrieb Ende der 90er Jahre gerade an seinen Büchern „Das Geld der Zukunft“ (Lietaer, Bernard A. 1999) und „Mysterium Geld“ (Lietaer, Bernard A. 2000), als uns eine glückliche Fügung in München zusammenführte.

 

Beim Studium der Volkswirtschaftslehre verzweifelte ich als Student gerade an verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien, in denen Geld so gut wie keine Rolle spielte und als „neutrales Tauschgut“ angesehen wurde. Auch die Themen soziale Gleichheit, Demokratie und Nachhaltigkeit spielten so gut wie keine Rolle in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion, stattdessen standen Wachstum, Effizienz und globaler Freihandel im Vordergrund der Lehre. 

Das Regiogeld-Konzept entsteht 

Im Keller des Münchener Cafes „Freiraums“ tüftelten wir ab 1998 angeregt durch Thomas Mayer vom Omnibus für Direkte Demokratie an einem alternativen Geld für München, basierend auf den Ideen von Dieter Suhr, der als Rechtsprofessor nach einem legalen Weg für einen bargeldlosen Verrechnungsring gesucht hatte (Suhr 1989). Die Ergebnisse sollten der Stadtbevölkerung über ein direktdemokratisches Bürgerbegehren zur Entscheidung vorgelegt werden. Sinnigerweise hatte Thomas Mayer als Initiatior des Volksbegehrens für Bürgerbegehren drei Jahre zuvor gezeigt, dass Einzelne sogar die Verfassung ändern können, wenn eine Mehrheit der Bürger*innen einen solchen Vorschlag als sinnvoll ansieht. Nun sollte also das Instrument inhaltlich gefüllt werden zunächst durch die Einführung von Bürgergutachten und später durch konkrete Vorschläge unter anderem zum Thema Geld und Finanzen.

Voller Begeisterung entwickelte ich das Konzept der „regionalen Substitutionswährung NEURO“, veröffentlichte eine kleine Beitragsreihe in einer Zeitschrift und im Internet und versuchte mit Professoren darüber ins Gespräch zu kommen. Mein Lieblingsprofessor blickte mich an, als ob ich von einem anderen Stern käme. Bei Bernard Lietaer stieß ich nicht nur auf Gehör, sondern er erklärte sich zu einem ganztägigen Workshop in der Schweisfurth-Stiftung in München bereit. Seine ungewöhnliche, aber theoretisch sehr klare Herangehensweise an die Thematik eröffnete eine völlig neue Dimension des Denkens. Stück für Stück wurden die Eckpunkte der Konzeption kritisch reflektiert. Bernard empfahl die Verwendung des Begriffs „regionale Komplementärwährung“, damit nicht der Eindruck entstünde, es solle eine nationalstaatliche Währung verdrängt werden. Vielmehr betonte er ein Sowohl-als-auch-Denken. Nationale Währungen hätten bis zu einem gewissen Punkt Vorteile und wenn sie auf regionaler Ebene durch Regionalwährungen ergänzt würden, könnten alle Menschen dadurch gewinnen. Diese Argumentation überzeugte und führte zu wesentlichen Weiterentwicklungen.

Neudefinition des Begriffs Geld 

Einprägsam war auch Lietaers Definition von Geld, die Wirtschaftswissenschaftler meist über die Funktionen des Geldes definierten. Er kritisierte daran, dass die Funktion nichts darüber sagt, was das Wesen des Geldes ist. Als wesentlich erkannte er eine „Übereinkunft innerhalb einer Gemeinschaft, etwas als Tauschmittel zu verwenden“ (Lietaer, Bernard A. 1999, 119). Auch wenn in der heutigen Zeit der Terminus „Tauschmittel“ als überholt angesehen werden kann und stattdessen die Einordnung als Zahlungs- und Erfüllungsmittel als genauer angesehen werden muss (Binswanger 2013, 18), ist an dieser Stelle vor allem der erste Teil interessant, nämlich die Übereinkunft. Die Vereinbarung in einer kleinen Gruppe, in einer Region, in einem Land, in einer verstreuten Gruppe oder auf der ganzen Welt gilt, ist eine Frage der kollektiven Gestaltung und der Wirksamkeit des entwickelten Währungssystems (Lietaer, Bernard A. 1999, 120). Diese Sichtweise eröffnet den kreativen Freiraum darüber nachzudenken, wie ausgehend von gemeinsamen Werte- und Normvorstellungen idealerweise eine Übereinunft in einer Gemeinschaft gestaltet werden sollte. Es wirkte auf mich so, wie wenn ich mich in einem geschlossenen Raum befunden hätte und plötzlich entdecke, dass es im Raum Türen gibt, die sich öffnen lassen.

Ein weiterer zentraler Begriff bei Lietaer ist die „Gemeinschaft“, die er prozesshaft definiert als „Gruppe von Menschen, die die Geschenke der anderen achten und die darauf vertrauen können, dass ihre Geschenke eines Tages auf irgendeine Art vergolten werden.“ Lietaer beklagt den weltweiten Verfall von Gemeinschaften aufgrund der Monetarisierung von Transaktionen mittels knapper, konkurrenzfördernder Währungen. „Wenn Sie ein Frühstück von Mutti haben wollen, gehen Sie zu McDonald’s, dort bedient sie.“ (Hazel Henderson zitiert in Lietaer 1999)

Komplementärwährungen zeichnen sich nach Lietaer dadurch aus, dass sie Gemeinschaften fördern. Er verwendet daher neben dem Begriff „Komplementärwährungen“ auch den Begriff „Community Currencies“. Als Beispiele führt er Time Dollars in den USA an, die auf Stunden basieren und den nachbarschaftlichen Austausch anregen. Als weiteres Beispiel nennt er eine Gesundheitspflegewährung in Japan, die Senioren in Stadt und Land dient. Für den Bereich der Nachhaltigkeit nennt er ein Beispiel aus Curitiba. Bürger erhielten für das Sammeln von Müll Gutscheine von der Stadt, die ihnen die Nutzung öffentlicher Einrichtungen wie zum Beispiel dem öffentlichen Nahverkehr ermöglichten (Lietaer, Bernard A. 1999, 309 ff.).

Mysterium Geld

Als weniger „rational“ und „wissenschaftlich“ wurde Lietaers zweites Buch „Mysterium Geld“ wahrgenommen. Er nahm darin Bezug auf Archetypen, Tabus und psychologische Kategorien. Die Zuordnung der bestehenden Nationalwährungen zum Yang-Prinzip und die Charakterisierung als wettbewerbsorientiert, egoistisch, rational, leistungsorientiert, zentralistisch und hierarchisch dürfte so manchen männlichen Finanzexperten der Zunft weniger gefallen haben. Die Yin-Seite wurde dagegen als weiblich, altruistisch, vertrauensorientiert, gebend und vernetzt denkend charakterisiert. Gemeinschaftsfördernde Komplementärwährungen seien vor allem der Yin-Seite zuzuordnen und würden gesellschaftlich eine unbeachtete Seite stärker betonen. Nicht zufällig saßen in Bernard Lietaers Vorträgen relativ viele Zuhörerinnen. 

Waren die Inhalte in den ersten Jahren vor allem in Insiderkreisen vielfach diskutiert, wurde die Öffentlichkeit durch das praktische Projekt der Regionalwährung Chiemgauer verstärkt auf die Thematik aufmerksam. Die enge Zusammenarbeit der Chiemgauer-Akteur*innen mit Bernard Lietaer und Margrit Kennedy beschleunigte die Herausgabe des Buches „Regionalwährungen“ (Kennedy und Lietaer, Bernard A. 2004). Regionalwährungen setzen demnach Akzente bei der Vernetzung von Akteur*innen, fördern regionale Wirtschaftskreisläufe, ergänzen die bestehende Landeswährung, dämpfen Inflations- und Deflationsgefahren, sind umlaufgesichert, gemeinnützig, transparent und demokratisch getragen und kontrolliert. Sie zielen auf eine umfassende Einbeziehung der Bürger*innen, verkürzen Transportwege und achten auf ökologisch sinnvolle Produktion und sie sind ein Symbol einer historisch gewachsenen oder neuen Identität in einer überschaubaren Region (Kennedy und Lietaer, Bernard A. 2004, 199). Im wissenschaftlichen Beirat des Chiemgauer e. V. setzten sich beide Autoren für die Beachtung der Qualitätskritieren und Werte ein.

 

Bericht an den Club of Rome: The Missing Link

Ein großer Wurf gelang Bernard Lietaer mit einem Bericht an den Club of Rome zusammen mit Christian Arnsperger, Sally Goerner und Stefan Brunnhuber. Auch so mancher Skeptiker wurde mit diesem gereiften Werk überzeugt. So führt Dennis Meadows im Vorwort des Berichts aus: „Seit rund vierzig Jahren lese ich die Literatur über Nachhaltigkeit. In dieser Zeit habe ich auch an Hunderten von Konferenzen zu diesem Thema teilgenommen. Doch bevor ich Bernards Arbeit kennenlernte, hatte ich noch nie gehört, dass jemand das Finanzsystem als eine Ursache dafür bezeichnete…Eigentlich habe ich überhaupt nicht über das Geldsystem nachgedacht. Es war für mich etwas Selbstverständliches, ein neutraler und unvermeidlicher Aspekt unserer Gesellschaft. Aber seit ich Bernards Analysen gelesen habe, sehe ich das anders.“ (Brunnhuber et al. 2013)

Die Vielzahl der Praxis- und Forschungsbeiträge von Bernard Lietaer könnte noch beliebig weitergeführt werden. Als er bereits schwer erkrankte, arbeitete er unermüdlich weiter und veröffentlichte weitere Studien wie zum Beispiel über die antizyklische Wirkung der Schweizer Komplementärwährung WIR, an der viele Tausend Unternehmen teilnehmen und mehrere hundert Millionen Schweizer Franken umgesetzt werden. Der Schweizer WIR-Franken wurde 1934 gegründet und gilt auch heute noch als größte Komplementärwährung weltweit (Stodder und Lietaer 2016).

 

Auch das Thema Blockchain und Kryptowährungen bearbeitete Bernard Lietaer sehr gewissenhaft und kritisch. Die Entwicklung solcher Peer-to-Peer-Währungen sah er bereits Ende der 90er Jahre kommen. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit kann davon ausgegangen werden, dass der Urheber des Bitcoins die Theorien von Lietaer zumindest in Ansätzen gekannt hat, bevor er sein White Paper geschrieben hat.

Am Montag, den 4. Februar 2019 ereilte mich die Nachricht, dass Bernard Lietaer friedlich eingeschlafen sei. Von seiner Erkrankung wussten Freunde schon länger, dennoch kommen solche Nachrichten überraschend und machen plötzlich bewusst, dass wir ihn beim nächsten Thema oder Problem nicht mehr um Rat bitten können. Die Geschäftsführerin der Money Network Alliance, Kathrin Latsch, formulierte es so: „Auf der Erde trifft uns ein schwerer Verlust, aber im Himmel kann Bernard sich nun mit Margrit Kennedy (verstorben 2013) zusammen tun, damit sie gemeinsam in der Gelddesign-Abteilung weiterarbeiten an nachhaltigen, demokratischen, resilienten und gerechten Geldsystemen der Zukunft. Das hatten sie sich gewünscht. “

Literatur

Binswanger, Hans C. 2013. Die Wachstumsspirale: Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. 4., überarb. Aufl. Marburg: Metropolis-Verl.

Brunnhuber, Stefan, Sally J. Goerner, Bernard A. Lietaer und Christian Schneider-Arnsperger. 2013. Geld und Nachhaltigkeit: Von einem überholten Finanzsystem zu einem monetären Ökosystem ; ein Bericht des Club of Rome, EU-Chapter. Berlin, München: Europa-Verl.

Kennedy, Margrit und Bernard A. Lietaer. 2004. Regionalwährungen: Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand. 3. Aufl. One earth spirit. München: Riemann.

Lietaer, Bernard A. 1999. Das Geld der Zukunft: Über die destruktive Wirkung des existierenden Geldsystems und die Entwicklung von Komplementärwährungen. [München]: Riemann.

———. 2000. Mysterium Geld: Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus. 3. Aufl. One earth spirit. München: Riemann.

Stodder, James und Bernard Lietaer. 2016. „The Macro-Stability of Swiss WIR-Bank Credits: Balance, Velocity, and Leverage.“ Comparative Economic Studies 58.

Suhr, Dieter. 1989. The Capitalistic Cost-Benefit Structure of Money: An Analysis of Money’s Structural Nonneutrality and Its Effects on the Economy. Studies in Contemporary Economics. Berlin, Heidelberg: Springer. http://dx.doi.org/10.1007/978-3-642-74758-8.

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