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Momo neu erzählt

MomoDokufilmer Oliver Sachs über Krisen und Wachstumschancen

(c) Friedrich Hechelmann

(c) Friedrich Hechelmann

“Ob einer seine Arbeit gern, oder mit Liebe zur Sache tat, war unwichtig. Im Gegenteil, das hielt nur auf. Wichtig war ganz allein, dass er in möglichst kurzer Zeit möglichst viel arbeitete”.

 

Über sieben Jahre schrieb Michael Ende an seiner Geschichte Momo. Als sie 1973 erschien, verbreitete sie sich schnell über den Globus. Der Roman wurde in vierzig Sprachen übersetzt und gehört bis heute zu den meistgelesenen Büchern der Welt. Millionen von Kindern erfuhren von dem Wesen des kleinen Mädchens Momo und von ihrem Kampf gegen die Zeitdiebe, indem ihre Eltern ihnen die Geschichte vorlasen. Bei vielen Menschen ist in dieser Zeit eine tiefe Verbindung zu der sanften Heldin entstanden. Während wir an unserem ersten kleinen Film gearbeitet haben, spürten wir immer wieder diese Verbindung, und auch in den Gesprächen nach Filmvorführungen erfahren wir davon: Momo öffnet die Herzen.

 

Michael Ende hat in vielen seiner Geschichten mit gesellschaftlichen Fragen und Theorien gespielt und Inhalte versteckt, die sich nicht auf den ersten Blick offenbaren. Es gibt eine Interpretation des Märchens Jim Knopf von Julia Voss - “Darwins Jim Knopf ” in der die Bezüge zum dritten Reich und zum Sozialdarwinismus deutlich werden.

Und auch Momo enthält eine bisher kaum beachtete tiefere Ebene, die die Geschichte zu einem wertvollen Erbe, zu einer Anregung, fast zu einer Anleitung für unsere von grauen Herren vereinnahmte Gegenwart macht.

 

Momo lebt in der Ruine eines Amphitheaters in einem kleinen namenlosen Ort. Dieser Ort gerät mehr und mehr unter den Einfluss von grauen Herren, die die Menschen dazu animieren, ihre Zeit zu sparen indem sie ein verlockendes Angebot machen: Sie behaupten, die eingesparte Zeit nach Jahren mit Zins und Zinseszins zurückzugeben.

Das verändert die kleine Gemeinschaft in kurzer Zeit sehr stark, denn die gesparte Zeit kehrt niemals wieder zu ihren Eigentümern zurück.

 

“Ich bin zu der Ansicht gelangt, dass unsere Kulturfrage nicht gelöst werden kann, ohne dass zugleich, oder sogar vorher die Geldfrage gelöst wird”, schrieb Michael Ende in einem Brief über die Hintergründe seiner Geschichte. Wir dürfen Momo also verstehen als Parabel über Geldsysteme, ihre Konstruktion und deren Auswirkungen auf die menschliche Gemeinschaft.

 

Die Konstruktion eines Geldsystems offenbart sich unter anderem auch in der Frage, die eine Bank stellt, wenn sie Geld schöpft. Bei der Vergabe eines Kredits, dem Schöpfungsakt in unserem aktuellen System, ist es die Frage nach Wachstum: “Bist du leistungsfähig genug, um uns in Zukunft mehr zurückzugeben als wir heute in dich investieren”?

Unser Geld entsteht durch ein Wachstumsversprechen. Und dieses dem Geld vorauseilende Versprechen beeinflusst den Charakter der wirtschaftlichen Leistungen, die durch dieses Geld finanziert werden. Je größer das potentielle wirtschaftliche Wachstum, das mit einer Tätigkeit erzeugt werden kann, desto höher die Bezahlung.

 

Vor etwa vier Jahren stand ich verzweifelt vor der Unmöglichkeit, meine Familie zu finanzieren, dabei nachhaltig zu leben und zugleich meine Arbeitskraft in Projekte zu geben, die mir sinnvoll für die Welt erschienen. Ich erlebte dieses Scheitern als meine persönliche Unfähigkeit.

Ich hatte in dieser Zeit einen Coach der mir riet, mich für gut bezahlte Aufträge “zu prostituieren” und den Rest meiner Zeit und das Geld, das ich dabei verdiente, Projekten zu widmen, die für mich sinnvoll erschienen. Mit dieser Strategie hat sich in kurzer Zeit mein Honorar verdoppelt und meine Tätigkeit verändert: Ich arbeitete mehr und mehr in der Werbung. Zuletzt brachte mich dieser Versuch in eine hochdotierte Imagefilm-Produktion für eine Firma, die Fernsteuerungsanlagen für Atomkraftwerke entwickelt - und an den Rand einer Depression.

 

Die Sorge um Geld hat mich dazu bewegt, gegen meine Überzeugungen zu handeln und mehr und mehr Kraft und Zeit damit zu verbringen, wirtschaftliches Wachstum zu erzeugen. Ich habe als Zahnrad einer Maschine funktioniert, deren Auswirkungen durch die gegenwärtige globale Vernetzung der Ökonomie besonders dramatisch sind: Wachstum erfordert die Ausbeutung von natürlichen und menschlichen Ressourcen bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit und darüber hinaus.

 

Michael Ende hat in Momo die Ausbeutung der menschlichen Lebenszeit hervorgehoben. Die Menschen verschwinden zunehmend hinter ihrer Arbeit, die ihnen immer weniger entspricht, denn die Qualität und der Inhalt der Arbeit wird zweitrangig bewertet nach ihrer Geschwindigkeit. Private Zeit nimmt immer weniger Raum ein, Kinder werden vernachlässigt und mit Konsumartikeln getröstet, zwischenmenschliche Begegnungen und Freundschaften werden flüchtiger. Die Menschen verlernen, sich füreinander Zeit zu nehmen, und sich gegenseitig zuzuhören. Der Zeitmangel schlägt sich auch in den Gesprächsgewohnheiten nieder: Es entstehen Diskussionen und Streit.

Während Momos Besuch bei Meister Hora, dem Herrn über die Zeit, erzählt dieser von einer Krankheit, die durch die grauen Herren verursacht wird. Die “tödliche Langeweile” ist die Beschreibung einer Depression.

 

Unser Geldsystem ist die konsequente, systemische Vollendung einer uralten Menschheitsgeschichte. Es ist eine Geschichte der Hierarchie, der Macht und des Besitzanspruchs. Seine Eigenschaften haben Einfluss auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Sie haben sich über Generationen in gesellschaftlichen Strukturen, in unseren Herzen und in Verhaltensmustern manifestiert.

Das Geld-Trauma hat viele Erscheinungsformen. Wir begegnen ihm in der Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, es zerreißt die menschliche Gemeinschaft in Reich und Arm, es wirkt als bedrohliche Macht des Mammon über die Demokratie, es erzeugt Konkurrenz- und Zeitdruck und wachsende Zahlen von Burnout, Depressionen und Selbstmorden.

Geld erzeugt existentielle Angst und wird dadurch zur Hauptursache für Menschen, ihre Zeit und Kraft für eine Tätigkeit zu opfern, die nicht ihrem Wesen entspricht.

 

Es macht uns zu grauen Herren.

 

Zugleich liegt im Geld und in seiner Konstruktion eine große Chance, unseren Planeten in Zukunft nachhaltig zu bewohnen und für unsere Kinder und Enkel zu bewahren.

Wie wäre es, wenn unser Geld statt durch quantitatives Wachstum durch die Werte gedeckt wäre, die uns wichtig sind? Wie würde sich ein mit sauberer Luft, oder ein mit authentischer Gemeinschaft gedecktes Geld auswirken?

Mit einem Bewusstsein über diese Zusammenhänge wäre es zum ersten Mal möglich, das Potential dieser Systeme kreativ zu nutzen und sie nach dem Bedarf des Planeten und der Gesellschaft zu gestalten. Wir könnten die Kraft der Gesellschaft nach den Werten ausrichten, die uns wichtig sind.

 

Zu einem solchen Bewusstseinssprung könnte Momo einen wichtigen Beitrag leisten, denn das Buch erfreut sich noch heute ungebrochener Beliebtheit Die Kinder von damals sind erwachsen geworden und lesen heute ihren eigenen Kindern aus Momo vor. Viele von ihnen spüren noch immer eine Nähe und Verbundenheit zu dem kleinen Mädchen, das vor 40 Jahren die grauen Herren besiegte. Unsere Beziehung zu Momo ist tiefgreifend, weil sie emotional ist.

 

Mit seinen leidenschaftlichen Bemühungen, die Eigenschaften von Geldsystemen auch ins Rationale, Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, ist Michael Ende zu Lebzeiten gescheitert. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif, eine ökonomische Krise noch nicht spürbar. Die Welt war noch geteilt in gut und böse, West und Ost, faul und fleißig, schuldig und unschuldig, die Vorteile des Systems noch zu mächtig und die zerstörenden Auswirkungen noch zu weit entfernt.

Ein Grund dafür könnte aber auch sein, dass Zahlenkolonnen und Formeln sich nicht in unser Gedächtnis einprägen. Sie sind flüchtig wie der Rauch und die Kälte der grauen Herren.

Momos Geschichte berührt uns, weil sie so eng mit unserem persönlichen Erleben verknüpft ist und doch stehen mathematisch-ökonomische Überlegungen im Hintergrund des Buches.

Die emotionale Bindung zu Momo macht mir Hoffnung, diesen Überlegungen heute eine neue, breite Aufmerksamkeit zu verschaffen.

 

Oliver Sachs

 

seine Momo-Doku wird auch auf der Jahrestagung im April gezeigt werden