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Essay

Projectpeace - Juli 2014 und Oliver Sachs

Gemeinschaftsprozess nach Scott Peck und Dragon Dreaming

(c) Friedrich Hechelmann

(c) Friedrich Hechelmann

„Was erzählt das Geld über uns und die Welt? Momo‘s Einladung zum Zuhören, Erleben und Handeln!“

Anfang Juli versammelten wir uns in Schlehdorf am Kochelsee mit der Intension, Lehrmaterial für Menschen zu entwickeln, die Interesse daran haben das Finanzsystem zu verstehen und Lust verspüren, tief in Zusammenhänge zu blicken, die das eigene Leben verändern können. Am Anfang stand die Idee, ein fächerübergreifendes Schulmaterial für das Buch Momo mit Bezug auf das Finanzsystem zu entwickeln. Als Ausgangspunkt diente uns der Dokumentarfilm von Masayo Oda, Oliver Sachs und Hanni Welter, über das Erbe Michael Endes - Momo und das Geld. Der Film zeigt, welche Zusammenhänge Michael Ende in seiner Geschichte zwischen Finanzsystem und Gemeinschaft darstellt.

Ein zentraler Punkt in Momo ist das Zuhören. Wir als project peace Gruppe (Ein Bildungsjahr zum Thema Frieden, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit …) hatten zu Beginn unseres Jahres im vergangenen September das tiefe Zuhören in Verbindung mit der „gewaltfreien Kommunikation“ kennen gelernt. In unserem Zusammensein prägte das wache Zuhören viele Begegnungen und ich glaube viele von uns haben diese Haltung verinnerlicht. So waren dann auch Anknüpfungspunkte leicht zu finden als Masayo Oda und Oliver Sachs im Oktober uns den Film erstmals vorstellten. Daraufhin stand ein großes Interesse im Raum, sich ausführlich mit dem Thema Finanzsystem zu beschäftigen und selbst zu lernen. Zusammenhänge aus Armut, Ungerechtigkeit, Konsum und Wachstumsgesellschaft, Vereinsamung und Depression waren vielen irgendwo einleuchtend aber einen wirklichen Überblick hatte keiner von uns.

Aus diesem Hintergrund trafen wir uns dann im Juli für 9 Tage um den entstehenden Fragen auf den Grund zu gehen. Schon beim Vorbereitungstreffen stellte sich die Frage, wie lernen oder arbeiten wir am besten, bzw. so das alle mit großer Freude dabei sein können. Wir hatten bereits in den Monaten zuvor die Erfahrung gemacht, dass eine gemeinschaftsbildende Begegnung im Vorfeld einer gemeinsamen Arbeit gut tat, und so entschieden wir, dass unsere gemeinsame Zeit mit einem Scott Peck Prozess beginnen sollte.

Ein Gemeinschaftsbildungsprozess in dem kein Thema im Vordergrund steht, die Gruppe einzig im Kreis zusammen sitzt und lauscht was war, ist und entstehen will. 3 Tage in einer Art Gruppenmeditation, in der wohl jeder an seine Grenzen stieß. Eine bewegende Zeit, die jedem Raum gewährte und oft einzelne aus ihrer Komfortzone lockte. In den letzten Minuten fanden wir uns nochmals als Gruppe auf einer Ebene wieder, die klar im Zeichen der Verbundenheit stand, ein Vertrauen und eine Freiheit war für mich spürbar, aus der heraus wir dann in die Projektarbeit einstiegen.

Dragon Dreaming. Eine Projektgestaltungsmethode nach 4 Schritten, die sich durch eine vielschichtige Mehrdimensionalität ausdrückt. Irgendwo habe ich gelesen, Dragon Dreaming, sei gelebte Liebe. Es ist mehr ein Spiel, dass das Wohl aller Beteiligter im Sinn hat, als ein trockenes Werkzeug zur Umsetzung von Projekten. Das Umsetzen von Ideen und das individuelle persönliche Wachstum stehen im Vordergrund.

Jedes Dragon Dreaming gliedert sich in die 4 Phasen, Träumen, Planen, Handeln und Feiern. Die Phasen sind nicht in sich abgeschlossen, vielmehr laufen sie nebeneinander und ergänzen sich ständig. Dennoch gibt es Schwerpunkte und die Aufmerksamkeit richtet sich auf ein gesundes Gleichgewicht. Das Feiern ist von besonderer Bedeutung, da es in unserer heutigen Welt viel zu kurz kommt. Wie oft feiern Sie ihre Taten, schauen zurück und erkennen ihren neu gewonnen Lernzuwachs? Setzen sich mit allen Beteiligten zusammen, lassen die Taten ruhen und konzentrieren sich auf das Gemeinsame- Sein? Immer wieder erinnerten wir uns gegenseitig, sich nicht nur im Tun zu verlieren, sondern auch mal innezuhalten.

Wir begannen mit dem Träumen. Unbegrenzt war jeder einzelne eingeladen, seinen persönlichen Traum für die gemeinsame Zeit zu formulieren. Es ging nicht nur um Ergebnisse, sondern auch um Rahmenbedingungen. Gutes Essen und ein Raum des Vertrauens und der Heilung waren genauso wichtig, wie der Traum, Material zu entwickeln, dass Hoffnung gibt und einen Beitrag dazu leistet, dass Schulen sich in Orte der Verbundenheit und Fülle verwandeln.

In den folgenden Tagen - der Phase des Planens - strukturierten wir den Traum, das heißt wir übertrugen ihn, mittels verschiedener Planungsmethoden in die lineare Zeit. Ein Zeitplan mit zu erledigenden Aufgaben entstand. Wir wurden „realistischer“: Was wird, wann und wo gemacht, um diesem Traum zur „Wirklichkeit“ zu führen. Eine Teils frustrierende Zeit, sind Träume doch zeitlos, in sich vollkommen. Wie kann ich, diesen Traum nun durch einzelne Schritte bzw. Handlungen so verwirklichen, dass die Gestalt erhalten bleibt und ich dabei Freude finde?

Nach der Planung begann dann die Zeit des Handelns. Im Format des Open Space näherten wir uns in kleinen Gruppen den zuvor gesetzten Themen. Christian Gelleri, Urheber der Reginonalwährung “Chiemgauer”, besuchte uns und erzählte von seinen Erfahrungen. Am Lagerfeuer sprachen wir von unseren persönlichen, teils schmerzhaften Erfahrungen mit Geld. In Diskussionen erweiterten wir unsere Blickwinkel und sprachen darüber wie wir mit dem Geldsystem im Rücken den eigenen Bezug zur Erde wieder herstellen können. Wir spielten Geldspiele, Spiele die erfahrbar machen, wie Geld heute in der Gesellschaft wirkt.

Mein persönlicher Höhepunkt und gleichzeitig meine größte Herausforderung war das Geldspiel von Margrit Kennedy.

Ein Spiel, in dem jeder ein für sich zu verschmerzenden Geldbetrag mitbringt, im Wissen, dass er diesen verlieren kann. Ich möchte das Spiel hier nicht erklären, damit Sie selbst einmal, wenn es sich anbietet, diese Erfahrung machen können. Ich habe für mich gesehen, wie sehr das Geld mit meiner Wahrnehmung verknüpft ist. Wie ein Bedürfnis nach Sicherheit aus der Beziehung zu Geld entsteht und wie sehr es doch das Konkurrenzverhalten oder die einfache Polarität von Gewinner und Verlierer in mir erzeugt hat. Die Erfahrung, die ich selbst noch gar nicht eindeutig greifen kann, zeigt mir, dass es hier ein Wertesystem gibt, ein System mit großer Macht, dass ungefragt, so viel Leben in sich begrenzt. Siehst du dich als Verlierer oder Gewinner? Gibt es einen Zusammenhang zwischen deinem Geld und dem Gefühl der Sicherheit? Fühlst du dich sicher auch ohne Geld? Ist Geld überlebensnotwendig und warum? Das sind Fragen, die mir spontan einfallen, wenn ich an den Nachmittag zurückdenke. Nach dem Spiel, saß ich wütend auf meinem Platz und konnte die Ungerechtigkeit kaum ertragen, da ich doch einiges verloren hatte. Doch ich vergaß, dass ich mich zuvor für das Spiel entschieden hatte und genau wusste, was passieren konnte.

Wichtig ist hier für mich auch die Frage nach dem Geben. Wenn ich etwas besitze, bin ich dann bereit es zu teilen oder gar zu schenken? Oder sollte ich zusehen, dass ich diese Sicherheit für mich erhalte, für mich gut sorge?

Der Apfelbaum im Herbst, lässt seine Äpfel fallen, gibt es in der Natur ein Beispiel, dass den Sinn unserer Finanzsystem unterlegt oder bekräftigt. Das Finanzsystem basiert auf Wachstum, endloses Wachstum ist der Parameter an dem alles gemessen wird. Mir fällt dazu gerade nur das Krebswachstum ein, das tödlich endet.

In diesen Tagen reifte in mir die Erkenntnis, dass das globale Finanzsystem eine Wirklichkeit erschafft, die keinen Bezugspunkt zum Leben in sich trägt. Die also allein durch ihr Wesen bzw. ihre Macht, jeden der nicht den Mut fasst, tiefer zu schauen mitnimmt und fesselt. Reiche wie Arme leben in dieser Wirklichkeit, akzeptieren sie und verhalten sich nach diesen Regeln.

Wer lebt heute nicht in Angst um Sicherheit und Wohlstand, um Absicherung vor Mangel und ähnlichem? Mir scheint es so als gäbe es eine Wirklichkeit dahinter, die ich so oft in der Natur erlebe. Fülle und Verbundenheit, das Tier braucht keine Altersvorsorge, es ist für alles gesorgt. Alles ist da. Diese Wirklichkeit ist auch für uns Menschen zugänglich, wenn wir das Finanzsystem, dieses System der Angst nicht weiter füttern und wieder menschlich werden, lernen einander zuzuhören und zu schenken.

An dieser Stelle frage ich mich, wie entsteht unter den Menschen wieder dieser Vertrauensraum, der die Macht des Finanzsystems leichtfüßig zerstäubt? Und da scheint Momo einen Schlüssel zu zeigen.

„Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!“

Aus dem Buch "Momo" von Michael Ende

Ja so konnte Momo zuhören und so kann jeder zuhören. Vielleicht bedarf es ein wenig Übung. Aber ich glaube daran, dass auf diese Weise scheinbar verloren gegangene Verbindung wieder spürbar werden kann und das Gefühl der Trennung auf der all die Sehnsüchte nach Gewinnen und Sicherheit gründen in den Hintergrund tritt.

Aus diesen Begegnungen, dem einander Zuhören und all den neuartigen, „befremdlichen?“ Methoden wie Dragon Dreaming, Scott Peck Prozess, Council und ähnliches merkt der einzelne, dass er nicht mehr nur einer unter Milliarden ist sondern, dass er ein Puzzleteil ist wie jeder andere und von unschätzbaren Wert für das Leben selbst. Ein Bewusstseinswandel zeigt sich mir gerade als Basis für jeden weiteren Schritt in Richtung freies, bereicherndes Leben: Zunächst muss ich mir selbst darüber bewusst werden, was ich brauche und wie ich meine Bedürfnisse erfülle. Für welchen Platz ich mich bewusst entscheide, was ich geben möchte.

Im weiteren Verlauf der gemeinsamen Zeit ist viel entstanden: Am letzten Tag hörte ich von Ideen, wie einem möglichen Übergang von dem aktuellen Finanzsystem in ein Zusammenleben der Menschen in Vertrauen und Wohl für alle aussehen könnte. Dass uns ein Übergang unausweichlich bevorsteht, ist bei klarer Beobachtung der aktuellen Lage dieser Erde selbstverständlich und wahrscheinlich auch schon längst für viele unbemerkt im Gange. So spricht Paul Hawken von der größten Bewegung seit jeher, die fast unsichtbar, ohne einer speziellen Ideologie zu folgen und ohne Namen, sich für das Wohl dieser Erde und ihrer Lebewesen einsetzt. Diese Bewegung ist groß: NGOs, Onlinepetitionen, Tauschkooperationen, Komplementärwährungen, Naturpädagogik, Tierschutz, Vereine zu Nachhaltigkeit und Bewusstseinswandel um nur einige zu nennen.

Ich denke viele Menschen spüren, dass wir global gesehen keine optimalen Lebensumstände für alle geschaffen haben. Und dass es, solange wir unsere Aufmerksamkeit nicht gemeinsam auf eine Veränderung richten, nicht besser wird. Einzelne Menschen finden für sich etwas, für das sie gehen wollen, sei es der Schutz des Tigers oder der Wunsch wieder Verbundenheit zwischen Menschen spürbar zu machen. Was diese Menschen verbindet, ist das Bewusstsein über die Notwendigkeit der Veränderung und der Mut etwas vielleicht außergewöhnliches zu tun, dass das Leben des einzelnen erfüllt. Für das es sich lohnt zu gehen. Ich glaube von diesen Menschen spricht Paul Hawken. Er forscht damit und spricht davon, das sich diese Ideen vernetzen, sie agieren auf unterschiedlichen Ebenen und besitzen ein Potenzial, einen gemeinsamen Nenner, ich würde ihn als Wandel kennzeichnen.

Kleine Einheiten des Wandels sind erkennbar, doch das mächtige System des Geldes, stellt alles in seinen Schatten. Lässt Dunkelheit zwischen den Menschen wachsen. Licht bringen die, die Lieben was sie tun. Kleine Kerzen flackern in der Dunkelheit.

Die Natur zeigt ein Beispiel. Der Vorgang einer Schmetterlingsmetamorphose dient einer Mut machenden Metapher: Im Raupenkörper entstehen nach der Verpuppung erste neuartige befremdliche Zellen, die sich unterscheiden und vom Raupenkörper bekämpft, vernichtet, werden. Mit der Zeit verbinden sie sich, tauschen Informationen aus, es entsteht ein Gemeinsames, die Anzahl der Zellen stellen etwas Eigenes dar. Der Schmetterling entsteht. Eine mysteriöse Selbstorganisation zeigt der einzelnen Zelle, was sie zu tun hat. Sie tragen wohl alle die Vision des Schmetterlings in sich- den Bauplan. Daraus ergibt sich, dass durch gegenseitiges Feedback oder Informationsaustausch, jede einzelne Zelle an den Platz geführt wird, der das Ganze letztlich ermöglicht.

(vgl. www.sozialimpulse.de/fileadmin/sozialimpulse/pdf/Schmetterlingseffekt.pdf)

Die Hoffnung aufgeben ist leicht, doch meine hier beschriebenen Erfahrungen aus der gemeinsamen Zeit mit Scott-Peck Prozess und Dragon Dreaming hat mir einmal mehr die Gewissheit gegeben, dass eine andere Art des Zusammenseins möglich ist und das Potenzial, dass wir als Menschen hierher mitbringen noch viele Wunder in sich trägt. Ich lade jeden herzlich ein, sich auf die Suche zu machen nach der Wirklichkeit, die fern vom Geld existiert und die für jeden etwas bereit hält, dass wenn einmal erkannt, einfach verschenkt wird, weil es spüren lässt, warum ich hier bin, mich erfüllt und die Lebendigkeit zurückbringt.

Herzlichst

Anselm Betz

Büdingen, 4.08.2014