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Margrit Kennedy und Charles Eisenstein im Chiemgau

Den Chiemgauer zu nutzen ist wie mit dem Rauchen aufzuhören: Man muss über den eigenen Schatten springen und alte Gewohnheiten ändern, aber man weiß genau, dass es gut und wichtig ist. Und eigentlich sollte auf jedem Euroschein „Der Umgang mit diesem Geldschein kann tödlich sein" stehen. Mit dieser provozierenden These leitete Margrit Kennedy einen Workshop für Chiemgauer-Aktive ein. Mit viel Humor und Tiefsinn gelang es Charles Eisenstein und Margrit Kennedy, zu einem vertieften Denken über unser Geldsystem anzuregen und Hoffnung für neue Wege zu machen.

Margrit Kennedy und Charles Eisenstein in Aktion

 

Mitarbeiter, langjährige Nutzer und Anbieter des Chiemgauers sowie Interessierte aus ganz Deutschland, Österreich, Schweiz und Dänemark kamen zum kurzfristig angesetzten Chiemgauer-Workshop am Sonntag, den 29. Juli 2012 in Rosenheim, um über Regionalwährungen und die Zukunft unseres jetzigen Geldsystems zu diskutieren. Christian Gelleri begrüßte die Anwesenden und vor allem die weit angereisten Gäste Prof. Dr. Margrit Kennedy und Charles Eisenstein.

 

Kennedy, eine ausgebildete Architektin, arbeitete bereits weltweit als Stadtplanerin und Ökologin, leitete Projekte u.a. für die UNESCO und war Professorin an der Universität Hannover. Mittlerweile eine internationale Größe in Sachen Komplementärwährungen, beschäftigt sie sich seit den 80er Jahren mit dem Wachstumszwang unseres Finanzsystems und dessen Auswirkungen auf die Ökologie. Ihre Essays und Bücher wurden in 22 Sprachen übersetzt.

 

Der Yale-Absolvent Charles Eisenstein ist Mathematiker, Philosoph und Schriftsteller. Als weltweit gefragter Redner hält er Vorträge und leitet Seminare zu den Themen Geld, Bewusstsein und die soziale und kulturelle Evolution der Menschheit. Bei seinem Aufenthalt in Deutschland wollte er unbedingt das Chiemgauer-Projekt kennenlernen und wurde von Frau Kennedy eingeladen, die Zentrale zu besuchen und sich mit uns auszutauschen. Eisenstein interessierte vor allem die Sicht der Nutzer.

 

In einer Vorstellungsrunde wurde die vielfältigen Perspektiven der Chiemgauer-Nutzer in einer wilden Mischung aus Deutsch und Englisch dargelegt und daraufhin frei drauf los diskutiert. Die immer größer werdenden Geldsummen, die in den Nachrichten auftauchen, wenn es um die Eurorettung geht, wurden mit Star Trek verglichen, die Frage, warum interessierte, offene Menschen trotzdem manchmal den Chiemgauer nicht verwenden wurde erörtert und eine „Begrüßungsbanane" für neue Mitglieder wurde vorgeschlagen.

 

Margrit Kennedy zog den Vergleich, dass die Verwendung des Chiemgauers statt des Euros so ähnlich sei wie mit dem Rauchen aufzuhören: Man muss über den eigenen Schatten springen und alte Gewohnheiten ändern, aber man weiß genau, dass es gut und wichtig ist. Und eigentlich sollte auf jedem Euroschein „Der Umgang mit diesem Geldschein kann tödlich sein" stehen. Diese Provokation rief ein Schmunzeln hervor, aber Kennedy versteht es, die Zuhörer zu einem vertieften Denken anzuregen, wie Geldkreisläufe funktionieren und was alles mit einem Euro ausgelöst werden kann. Durch Komplementärwährungen wie dem Chiemgauer entstünde ein völlig neues Umgehen miteinander.

 

Prof. Margrit Kennedy verwies auf eine Parallelwährungskonferenz in Berlin und auf den Vorschlag des Chefvolkswirts der Deutschen Bank, Thomas Mayer, eine Parallelwährung in Griechenland einzuführen. Christian Gelleri berichtete über seine Teilnahme an der Konferenz und dass es gelungen sei, eine gemeinsame Erklärung zur Einführung von Parallelwährungen zu erarbeiten. Dies werde vom Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft in Berlin unterstützt.. Kennedy freute sich darüber, dass das Prinzip des Chiemgauers mittlerweile auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei.

 

Zum Ende des Workshops hin erfasste Eisenstein dann das Wort, stellte einige seiner Thesen vor und beeindruckte die Teilnehmer mit seinem rhetorischen Talent.

 

Laut Eisenstein sind die Menschen bisher schlicht zu bequem gewesen, um dieses System, mit dem wir alle aufgewachsen sind, zu hinterfragen und aktiv etwas zu tun, um es zu ändern - obwohl wir alle schon lange wissen, dass etwas nicht so läuft wie es laufen sollte. Und wegen ebendieser Bequemlichkeit hat es den Regionalwährungen auf der ganzen Welt oft an Unterstützung gefehlt. Denn es ist, wie uns die Geschichte gelehrt hat: erst wenn das alte System zusammenbricht, kann ein neues entstehen. Die Krisen unserer Zeit - die Umweltkrise, die Gesundheitskrise, die Finanzkrise - müssen wir als Chance ansehen, so Eisenstein. Er verwendet dafür den Prozess der Schwangerschaft und Geburt als Allegorie für die Menschheitsgeschichte. Die Menschheit ist ein Fötus im Mutterleib, alle Bedürfnisse werden gestillt, es gibt keine Grenzen im Wachstum. Erst im 20. Jahrhundert spürt das Kind, dass der Raum begrenzt ist - eine hoffnungslose Lage, denn die Fruchtblase ist die einzige Realität des Kindes. So wie die Wehen die Geburt einleiten, machen uns die Probleme unserer Zeit bewusst, dass sich etwas ändern muss. Und genau wie der Fötus wissen wir nicht, was uns erwartet.

 

Mit unserem Projekt sind wir vielleicht so etwas wie Geburtshelfer. Durch die jahrelange Arbeit mit dem Chiemgauer sind wir in der Lage mit Erfahrungen aufzuwarten, von denen andere Projekte zehren können. Wenn zum Beispiel in Griechenland tatsächlich eine Parallelwährung eingeführt wird, könnten wir wertvolle Informationen zur Verfügung stellen und somit den Weg ebnen. Denn ein praktisches Beispiel ist wertvoller als 1000 kluge Bücher, so Kennedy.

 

Dass diese Entwicklung hin zu einem besseren Leben für uns alle so lange dauert, liegt laut Eisenstein an einer tief im kollektiven Gedächtnis verwurzelten Überzeugung, dass wir alle vom Rest der Welt abgesonderte Individuen sind, die in Konkurrenz zueinander stehen. Eine logische Schlussfolgerung daraus ist, dass ich automatisch weniger habe wenn jemand anderes mehr hat. Diese Illusion wird genährt von der Gesellschaft, unserem Finanzsystem, der Religion, der Philosophie. Aber „Kein Mensch ist eine Insel", wie bereits John Donne gesagt hat - wir sind alle abhängig voneinander. Eisenstein drückt es so aus: Bis jetzt hieß es more for you is less for me aber wir müssen erkennen, dass more for you is more for me der Realität sehr viel näher kommt. Und das ist einer der Gründe, warum er sich so für den Chiemgauer interessiert. Bei der Regionalwährung geht es um mehr als nur darum, wie man am meisten Gewinn für sich selbst herausschlagen kann. Es geht um Nachhaltigkeit und Gemeinschaft. Dazu perfekt passend noch das Schlusswort Eisensteins und auch dieses Artikels: „Die Zeit der Einsamkeit ist vorbei!"

 

Autorin: Ricarda Sorg, aktives Chiemgauer-Mitglied, 20 Jahre jung aus Prien am Chiemsee