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Grüne: Chiemgauer ist überlegenswertes Konzept

Traunstein. Der Grund mag eine Mischung sein. Eine Mischung aus »aktueller Finanzkrise« und »alternativer Wurzel«, die der Gründung der Grünen-Partei in Westdeutschland zugrunde liegt. Jedenfalls bestückten sie ihre eigene Veranstaltung zum Thema »Alternatives Geld« hochkarätig: Sepp Daxenberger, Fraktionsführer der Grünen im Landtag, begrüßte 41 Menschen im Sailer-Keller. Der Parteichef der Grünen, Landesvorsitzender Dieter Janecek, saß auf dem Podium.

Podium: Janecek, Sengl, Jäger, Levannier

Grüne und Chiemgauer reden miteinander

Im Gespräch mit Kopp und Levannier

Spannende Diskussionen im Nachgang

Traunstein. Der Grund mag eine Mischung sein. Eine Mischung aus »aktueller Finanzkrise« und »alternativer Wurzel«, die der Gründung der Grünen-Partei in Westdeutschland zugrunde liegt. Jedenfalls bestückten sie ihre eigene Veranstaltung zum Thema »Alternatives Geld« hochkarätig:

Sepp Daxenberger
, Fraktionsführer der Grünen im Landtag, begrüßte 41 Menschen im Sailer-Keller. Der Parteichef der Grünen, Landesvorsitzender Dieter Janecek, saß auf dem Podium. Unter den Zuhörern finden sich die Grünen-Parteirätin Beate Walter-Rosenheimer vom Landesarbeitskreis »Wirtschaft« und eine stattliche Reihe weiterer Kommunalpolitiker. Eine Gruppe grüner Politiker informierte sich zuvor über den Chiemgauer aus erster Hand: theoretisch wie praktisch.

Bei einem Rundgang durch Traunstein sammelte man Eindrücke davon, wie der Chiemgauer im Alltag funktioniert.

Eine erfolgreiche Regionalwährung


Entgegen der Ankündigung nahm Sepp Daxenberger nicht an der Podiumsdiskussion teil. Seine Meinung zum Regiogeld vertrat er in seinem Begrüßungswort. »Geld ist entstanden, um mühselige Tauschgeschäfte durch etwas Einfacheres zu ersetzen. Der Chiemgauer ist nicht die Lösung aller Probleme, aber eine Alternative für Leute, die wissen wollen, was mit dem Geld in der Region passiert.«

Daxenberger sagte weiter, er habe sich bereits als Bürgermeister von Waging die »Handarbeit des Chiemgauer« angesehen. Zu einem Zeitpunkt, als die Schülerinnen an der Waldorfschule in Prien den Chiemgauer ins Leben riefen. Der Chiemgauer sei die »erfolgreichste Regionalwährung Deutschlands«. Man hätte den Zeitpunkt für das Podiumsgespräch »Brauchen wir den Chiemgauer?« nicht besser wählen können. Täglich werde er beim Zugfahren gefragt, wie es mit dem Geld weitergehe. Da könne auch der Chiemgauer seinen Beitrag leisten, sich »bewusstzumachen, was Geld bedeutet«.

Geistiger Klimawandel der Werte gefordert

Diesen Gedanken griff Landesvorsitzender Dieter Janecek auf. Er forderte zu allererst einen »geistigen Klimawandel der Werte«. Die Beschäftigung mit Regionalität sei Ausdruck einer Sehnsucht nach Werten.

Es gehe nicht um eine Verurteilung von Globalität oder ein »Wir-vor-Ort-sind-gut« im Gegensatz zu einem »Alle-anderen-sind-schlecht«. Es brauche eine Wertedebatte im Sinne von: »Qualität ist mehr«.

Janecek nannte Bereiche wie Bio, umweltschonende Landwirtschaft, nachhaltiges Wirtschaften, sozialen Zusammenhalt, Stärken des Ehrenamtes, wirkliches Einpreisen ökologischer und sozialer Kosten ins Wirtschaften. Bei der Schaffung eines solchen Systems der regionalen Wertschöpfung (»integriertes Konzept im Landkreis«) sieht Janecek die Politik gefordert – nicht zuletzt auch die Kommunalpolitiker. Der Chiemgauer könne dies nicht leisten, denn es mangele ihm an »politischer Wahrnehmung«. Allerdings stand der Wahlmünchener dem Chiemgauer zu, dass er einen Beitrag zum »geistigen Klimawandel im Sinne Lebensqualität« leiste. »Als Selbstermächtigung zum Selberanpacken vor Ort – in diesem Sinne unterstütze ich den Chiemgauer voll und ganz. Ich halte den Chiemgauer für ein überlegenswertes Konzept, einen wichtigen Ansatz mit einigen offenen Fragen«.

Contra

Gisela Sengl betonte: »Regionales Wirtschaften ist etwas Einfaches; der Chiemgauer zu kompliziert«. Die Geldentwertung treffe ihn genauso wie den Euro. In »Zinsen« sah Gisela Sengl nichts Schlechtes und wollte den Sinn des Negativzinses (beim Chiemgauer als »Umlaufsicherung« bezeichnet) nicht nachvollziehen.

Manch über den Chiemgauer geförderter Verein habe es finanziell nicht nötig, oder er kaufe selbst »seinen Käse beim Discounter«. Man könne beim Einkaufen mit dem Euro durchaus regionaler sein wie so mancher mit Chiemgauer-Scheinen.

In diese Richtung äußerte sich auch die Inhaberin eines Töpferladens in Chieming. Es gebe zu wenig Möglichkeiten in Chieming einzukaufen. Andere Diskussionsteilnehmer meinten, es wäre unsinnig, in einer anderen Gemeinde zum Optiker (wie es in einem Fernsehbeitrag des Bayerischen Fernsehens zu sehen war) zu gehen, wenn man in der eigenen nicht mit Chiemgauer bezahlen kann.

Für andere fängt die Kaufentscheidung im »Kopf« und nicht im »Geldbeutel« an. Den Chiemgauer brauche es da für einen bewussten Einkauf nicht.

Pro

Chiemgauer-Vorstand Christophe Levannier erinnerte daran, dass der »Chiemgauer nicht gegen, sondern für etwas sei«. Der Chiemgauer motiviere zum regionalen Einkauf, fördere die einheimischen Betriebe und sichere Ausbildungsplätze. »Der Bäcker, der Chiemgauer einnimmt, schaut, dass er seine Sachen auch wieder mit Chiemgauer bezahlen kann«, so Levannier. Was motiviert Menschen, beim Chiemgauer mitzumachen? Laut Levannier belegen Diplomarbeiten, dass nicht »Eigennutz«, sondern gerade die »sozialen Ziele« der Vereinsförderung für viele der Grund zum Mitmachen darstellt.

Klaus Kopp (Vorstand in der Regios eG und Chiemgauer-Regionalbüroleiter) sieht zwischen Globalität und Regionalität, zwischen Euro und Chiemgauer keinen Gegensatz. Regionalgeld sei ein Bürgerprojekt für ein »Europa der Regionen, verbunden mit dem Euro«. Regionalgeld sorge dafür, dass die Regionen ein eigenes Profil erhielten und lebendige Strukturen vor Ort erhalten blieben. Der Chiemgauer sei eine Ergänzung zum Euro mit anderen Geldeigenschaften. So die Umlaufsicherung von jährlich 8 Prozent bei Nicht-Weitergabe (soll den Geldumlauf beschleunigen). So der Regionalbeitrag von 5 Prozent bei Rücktausch in Euro (soll das Geld in der Region halten).

»Es macht eben keinen Spaß, Geld zu horten oder wo anders auszugeben«, bringt Kopp seine Meinung auf den Punkt.

Sabine Ponert, Sprecherin des Grünen-Kreisvorstandes, zeigte sich »inzwischen überzeugt«. Sie sagte: »Ich habe mich entschlossen mitzumachen, weil ich den Kindergarten unterstützen will«.

Andere Befürworter nannten als Argumente fürs Dabeisein beim Chiemgauer: »netter persönlicher Kontakt beim Chiemgauer-Einkauf«, »Unterstützung der Vereine und von sozialen Einrichtungen vor Ort«, »Ausbildungs- und Arbeitsplätze«.

Schluss

In seinem Schlusswort unterstrich Janecek: »Geld ist nicht gottgegeben, sondern in seiner jetzigen Form historisch gewachsen«. Man müsse es durchaus in seiner Substanz hinterfragen. Auch was seine Anbindung oder Nicht-Anbindung an reale Werte betreffe. Mit Blick auf die derzeitige Finanzkrise folgerte er: »Es ist nicht gut so, wie es läuft«, aber bezweifelte, dass in »Schrumpfgeld« die Lösung liegt.

Bleiben noch die Eingangsworte von Moderator Alexander Jäger (ebenfalls Mitglied bei den Traunsteiner Grünen): »Schön, dass überregionale Parteigremien Interesse am Regionalgeld-Thema haben und dass in unserer reizüberfluteten Gesellschaft so viele gekommen sind«.

Und nach Ende des offiziellen Teil ging die Diskussion – wie so oft – munter weiter.


Beachten Sie zu dieser Veranstaltung auch die Artikel in unserem Pressespiegel.